Vorbereitung auf das Unvorhersehbare – Licht für die Welt und COVID-19

COVID-19 ist eine Herausforderung von beispiellosem Ausmaß. Rupert Roniger, Geschäftsführer von Licht für die Welt international, erläutert die Strategie zur Soforthilfe.
People with masks (c) Light for the World

Welche ersten Schritte setzte Licht für die Welt nach dem Ausbruch von COVID-19?

Rupert Roniger: Im März hatten unsere Kolleginnen und Kollegen oberste Priorität. Wir wollten sicherstellen, dass sie sicher und vernetzt sind, Unterstützung bekommen und handlungsfähig bleiben. Um unsere Zielgruppe zu schützen, mussten wir zu allererst Maßnahmen zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie unserer Partner setzen. 

Also folgten wir den von der WHO empfohlenen Maßnahmen, um die Ausbreitung von COVID-19 zu verhindern, einschließlich Reisebeschränkungen und Teleworking soweit   dies möglich war. Es war eine Zeit der Anpassung, aber mittlerweile arbeiten die meisten von zu Hause aus. Ich denke, wir haben das gut gemeistert.

Was waren die nächsten Schritte?

Als nächstes mussten wir eine Reaktionsstrategie ausarbeiten und unsere anwaltschaftliche Arbeit an die Krise anpassen. Dies war uns ein großes Anliegen, weil uns bewusst war und ist, dass die einkommensschwachen Länder in denen wir arbeiten, insbesondere in Subsahara-Afrika, besonders gefährdet sind.

Warum sind einkommensschwache Länder einem erhöhten Risiko ausgesetzt?

Mehrere Faktoren erhöhen die Bedrohung für einkommensschwache Länder: schwache Gesundheitssysteme, Mangel an sauberem Wasser, hohe Bevölkerungsdichte, Mangelernährung und chronische Krankheiten. Dazu kommt, dass ein hoher Anteil der Bevölkerung den Lebensunterhalt mit schlecht bezahlter Gelegenheitsarbeit oder mit informellen Kleinstunternehmen verdient und auf keine Reserven zurückgreifen kann.

In Europa war das Aufstocken von Intensivbetten und Beatmungsgeräten ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch für Länder mit niedrigem Einkommen ist die Herausforderung noch größer. In Burkina Faso zum Beispiel gibt es nur 10 Intensivpflegebetten für eine Bevölkerung von mehr als 20 Millionen, in Uganda gibt es nur 55 solcher Betten für fast 43 Millionen Menschen.  

Am 19. März 2020 forderte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Afrika auf, "sich auf das Schlimmste vorzubereiten" und "sich so bald wie möglich vorzubereiten".  Aber wie können afrikanische Regierungen dies tun, mit so begrenzten Ressourcen?

Welche Gesamtstrategie zu COVID-19 verfolgt Licht für die Welt?

Ich bin stolz darauf, dass wir sehr rasch und in hervorragender Teamarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt in der Lage waren, eine umfassende Reaktionsstrategie zu entwickeln. Zusammenfassend kann ich im Namen meines Kollegen Sander Schot, Programm-Manager für humanitäre Hilfe, die fünf Säulen dieser Reaktionsstrategie nennen:

1. Unterstützung unserer Projektpartner bei der Umsetzung von Präventionsmaßnahmen.

2. Unterstützung von Menschen mit Behinderungen, die dringend Vorräte, Nahrungsmittel und Verdienstmöglichkeiten brauchen, um die Wirtschaftskrise zu bewältigen. 

3. Entwicklung konkreter Unterstützungsmaßnahmen zur Stärkung der Gesundheitssysteme in unseren Schwerpunkt- und Partnerländern – unter besonderer Berücksichtigung von Menschen mit Behinderungen und jenen mit chronischen Krankheiten.

4. Unterstützung von Regierungen um inklusive und barrierefreie Katastrophenhilfe nicht zu vernachlässigen.

5. Schutz unserer Teams und gleichzeitiger Erhalt der Einsatzfähigkeit als Organisation.

Die offiziell bestätigten Infektionszahlen in afrikanischen Ländern sind nach wie vor recht niedrig. Gleichzeitig geht man davon aus, dass es aufgrund sehr begrenzter Testkapazitäten eine hohe Dunkelziffer nicht gemeldeter Fälle gibt. Wie geht Licht für die Welt mit diesen zahlreichen Unsicherheiten um?

Ja, die Zukunft ist schwer vorhersehbar. Sogar der Globale Humanitäre Hilfe Plan zu COVID-19 der Vereinten Nationen verwendet zwei Szenarien, eines für drei bis vier Monate und eines, das mit einem Zeitraum bis mindestens Ende 2020 rechnet.  Angesichts dessen verfolgen wir eine adaptive Programmierungslogik. Wir planen Aktivitäten vorerst für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten, danach überprüfen und aktualisieren wir unsere Planung. 

Klar ist, dass die Pandemie in allen Ländern, in denen wir arbeiten, eingetroffen ist und die Testkapazität sehr begrenzt ist. Darüber hinaus wird die Corona-Krise wirtschaftliche Folgen haben, die erfordern könnten, dass wir uns stärker auf die Wiederherstellung der Lebensgrundlagen der Menschen konzentrieren. 

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Lebensunterhalt der Menschen in Afrika werden erwartet?

Leider deuten alle Anzeichen auf massive Auswirkungen auf die Lebensgrundlagen der Menschen  hin - insbesondere in Ländern mit niedrigem Einkommen. Das bereitet uns große Sorgen.

Die Menschen leiden bereits jetzt. Eine Betreuerin in Laikipia, Kenia, berichtet uns: „Mein Sohn mit Zerebralparese benötigt antiepileptische Medikamente. Seit Beginn der COVID-19-Krise hat er immer wieder Anfälle. Früher verdiente ich das Geld für seine Medikamente mit meinem kleinen Lebensmittelladen, aber ich war gezwungen, ihn zu schließen. Jetzt kann ich nirgendwo mehr Geld bekommen.“ 

Was berichten Ihre Kolleginnen und Kollegen in Burkina Faso, der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien, Mosambik, Uganda, Südsudan und darüber hinaus?

Unsere Kolleginnen und Kollegen sind sehr besorgt. Wie Elie Bagbila, Direktor des Landesbüros von Licht für die Welt in Burkina Faso, zu mir sagte: „Kein Land dieser Welt kommt alleine mit COVID-19 zurecht. Es ist eine Pandemie. Afrikanische Regierungen tun alles, um die Menschen zu schützen, aber unsere Gesundheitssysteme brauchen dringend Unterstützung.”

COVID-19 ist mit Sicherheit eine Bedrohung. Aber es sind auch die indirekten Folgen des Virus, die sich bereits jetzt verheerend auswirken. 

Geoffrey Wabulembo, unser medizinischer Direktor für Augengesundheit und vernachlässigte Tropenkrankheiten, der in Uganda tätig ist, berichtet: „Im Moment vermeidet das Gesundheitspersonal mangels Schutzausrüstung den Kontakt zu den Patienten. Die Auswirkungen sind massiv: Menschen sterben neben COVID-19 auch aufgrund vieler anderer Krankheiten.“

Ist die Situation für Länder, die kürzlich Naturkatastrophen erlitten haben, noch angespannter?

Leider ja. Ich zitiere unseren Kollegen Zicai Zacarias, Direktor des Landesbüros von Licht für die Welt in Mosambik, der sich 2019 intensiv für die Opfer der verheerenden Auswirkungen des Zyklons Idai und der nachfolgenden Überschwemmungen eingesetzt hat: 

„Menschen mit Behinderung im Búzi Distrikt in Mosambik brauchen dringend Nahrungsmittel. Etliche hungern bereits. Unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort bereiten die Verteilung von Nahrungsmitteln vor, um die nächsten zwei Monate bewältigen zu können.“

Erreicht die Information über COVID-19 die Ärmsten und am schwersten Erreichbaren?

Nein. Dies ist ein wichtiges Thema! Robert, der als Vermittler für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen für Licht für die Welt in Kampala, Uganda tätig ist, erzählt: „Der Zugang zu aktuellen  und barrierefreien Informationen ist jetzt eine der größten Herausforderungen für Menschen mit Hörbehinderungen.

Der jüngste Mythos, der in meiner Gemeinde Panik ausgelöst hat, war, dass das (5G-)mobile Internet COVID-19 verursacht oder verbreitet. Das ist natürlich Unsinn!" Wir tun so rasch wie möglich alles, um adäquate Informationen auch Menschen mit Behinderungen zugänglich zu machen, denn Prävention ist immer besser als eine Behandlung.

Wie steht es um die medizinische Versorgung?

Die Versorgung von Ärztinnen und Ärzten sowie Krankenpflegerinnen und Krankenpflegern mit einer Grundausstattung  zu ihrem Schutz ist das Mindeste, was wir tun können, um deren heldenhafte Bemühungen in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen. 

Anfang April konnten wir 150 dringend benötigte Schutzanzüge, 1.300 Kappen, 1.520 Liter Desinfektionslösung und 10 pedalbetriebene Desinfektionsgeräte an das Entebbe Regional Referral Hospital in Uganda liefern. Dreißig bestätigte COVID-19-Patientinnen und -Patienten werden dort von Direktor Dr. Muwanga Moses und seinem engagierten Team betreut. Wir werden weiterhin medizinisches Personal und Krankenhäuser unterstützen, wo immer wir können.

Ist Licht für die Welt bereit, um auf die massiven Herausforderungen, die COVID-19 mit sich bringt, zu reagieren? 

Niemand konnte auf so eine Krise vorbereitet sein, auch keine Organisation! Aber durch die Arbeit von Licht für die Welt im Bereich Augengesundheit und Rehabilitation für Menschen mit Behinderungen wissen wir, wie wichtig starke Gesundheitssysteme sind - ¬ und wir wissen, welche Schritte unternommen werden müssen, um sie zu stärken, damit auch die Ärmsten und Schwächsten erreicht werden. 

Wir verfügen über umfassende Erfahrung im Kampf gegen Infektionskrankheiten - ¬ wir führen Programme gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten durch, die mehr als 5 Millionen Menschen im Norden Äthiopiens erreichen. Aber - vielleicht noch wichtiger als all dies - wir erkennen an, dass wir gemeinsam stärker sind. Wir arbeiten mit anerkannten Partnern in unseren Programmländern zusammen, die den lokalen Kontext besser kennen als alle anderen. 

Wir haben zudem sehr gute Beziehungen zum Gesundheitsministerium, zu Regierungskrankenhäusern und regionalen Gesundheitsbüros in unseren Partnerländern in Afrika, namentlich in Äthiopien, Burkina Faso, Mosambik, Uganda und Südsudan.

Diese Krise erfordert eine globale, gemeinschaftliche, und koordinierte Reaktion. Wir arbeiten mit Partnern zusammen, denn gemeinsam sind wir stärker – das war schon immer das Motto von Licht für die Welt!