Keine Ausnahmen bei inklusiver Bildung!

"All Means All" ist derzeit der weltweit umfassendste Bericht zum Thema inklusiver Bildung. Der Fokus liegt auf den Bedürfnissen von Kindern mit Behinderungen im weltweiten Bildungssystem. Nafisa Baboo, Direktor für integrative Bildung bei Licht für die Welt, ist eine der HauptuntersützerInnen des Berichts. Sie erklärt uns, warum dieser Report zukunftsweisend ist.
Keine Ausnahmen bei inklusiver Bildung! (c) Gregor Kuntscher


Regierungen auf der ganzen Welt haben sich zum Ziel gesetzt bis 2030 inklusive Bildung für alle zu garantieren. Auch wenn wir scheinbar noch viel Zeit haben, müssen wir jetzt anfangen, das Bildungssystem zu verändern, wenn wir kein Kind mehr zurücklassen wollen.

Im Fokus des Berichts „Global Education Monitoriung (GEM) – All Means All“ stehen die am stärksten ausgegrenzten Menschen unseres Bildungssystems: Kinder mit Behinderungen, sprachliche Minderheiten und indigene Bevölkerungsgruppen. 

In den letzten Jahren konnten jedoch schon einige Fortschritte erzielt werden. So sind mittlerweile 15% der Kinder in außerschulischen Aktivitäten Kinder mit Behinderungen. Auch in der Politik gab es Veränderungen. 67% der evaluierten Länder haben ihre Rechtsgrundlage dahingehend geändert, dass SchülerInnen mit Behinderungen mehr ins Bildungssystem miteinbezogen werden. Doch zwischen Theorie und Praxis gibt es noch eine große Lücke zu füllen. 

Überwindbare Hürden für Inklusion

Um inklusive Bildung zu erreichen, gilt es nicht nur eine Hürde zu überwinden. Denn genauso wie Ausgrenzung etliche Facetten hat, sind die Lösungswege vielseitig. Das System muss als Ganzes betrachtet werden in dem Akteure wie Regierungen, Zivilbevölkerung, Betroffene oder Organisationen eine wichtige Rolle spielen. Vor allem Regierungen müssen ihre Ministerien besser koordinieren, um Maßnahmen zu inklusiver Bildung ganzheitlich umzusetzen.

COVID-19 legt die Herausforderungen offen

Im letzten halben Jahr mussten viele Länder wegen der COVID-19 Pandemie auf Fernunterricht umsteigen. Dadurch ist die Schere zwischen Arm und reich noch sichtbarer geworden und die Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen noch deutlicher. 

Dem Bericht zufolge haben 55% der einkommensschwachen Länder die Grund- und Mittelschule auf Onlineunterricht umgestellt. Doch nur 12% der Haushalte haben überhaupt einen Internetzugang. In fast der Hälfte aller Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen wurde auf SchülerInnnen, die von Ausgrenzung bedroht sind, keine Rücksicht genommen.

Für Kinder mit Behinderungen und ihre Eltern sind die Auswirkungen der Schulschließungen besonders schwerwiegend. Da sie kaum Zugang zu digitalen Technologien haben, sind sie stark benachteiligt. Das hat zur Folge, dass die Kinder oft nicht in die Schule zurückkehren. Als Organisation müssen wir alles tun, um das zu verhindern. 

Mehr als weiße Krücken und Rollstühle

Inklusive Hilfe besteht nicht nur aus weißen Krücken und Rollstühlen. Gerade jetzt müssen wir innovativ sein und auf unterstützende Technologien wie Tablets und Mobiltelefone zurückgreifen, um Kinder mit Behinderungen bestmöglich zu unterstützen. 

Weil der Fokus im Bildungssystem vor allem auf Rechnen und Lesen liegt, mangelt es im Curriculum an der Vermittlung von Belastbarkeit und sozio-emotionalen Fähigkeiten wie zum Beispiel Selbstreflexion, verantwortungsvoller Entscheidungsfindung oder Beziehungsfähigkeit. Das hat die Pandemie deutlich gemacht. Doch bietet sie uns auch die Möglichkeit neue ganzheitliche Ansätze zu finden, um Kinder mit Behinderungen zu fördern.

Gezielte Finanzierung

Der grundlegende Schritt besteht darin, die Finanzierung auf Menschen mit Behinderungen auszurichten. Wie im Bericht hervorgeht, ist das Bildungssystem nicht inklusiv, wenn Millionen von Menschen keinen Zugang dazu haben. 

Die ärmsten Menschen müssen frühestmöglich in Finanzierungsplänen berücksichtigt werden. Dadurch wird nicht nur der Zugang zu Schulen erleichtert, sondern auch zu frühzeitigen Untersuchungen ermöglicht. Potenzielle Behinderungen können somit schnell entdeckt und ihre Auswirkungen so gering wie möglich gehalten werden. Damit kann die Lernfähigkeit von Menschen mit Behinderungen auch in Zukunft sichergestellt werden.

Für Geberorganisationen bedeutet das, in behindertengerechte Bildungsprogramme zu investieren und Innovation in den Projekten zu fördern. Durch begleitende Forschung und Prüfung der Maßnahmen können wir nachweisen, was funktioniert und was nicht.

Eine lebenslange Leidenschaft 

"Inklusive Bildung für Kinder mit Behinderungen ist meine Leidenschaft", sagt Nafisa Baboo. "Ich war Teil des Beratungsteams für den Report „All Means All“. Es macht mich sehr stolz, diesen Bericht auf der Bildungsagenda zu sehen. Ich hoffe, er trägt zu einem raschen Wandel bei und ermutigt Regierungen, mehr in inklusive Bildung zu investieren."

Erfahren Sie näheres im Bericht "All Means All"