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Ihr Körper, ihre Rechte

Studie zeigt Stolpersteine bei sexueller Aufklärung von Mädchen mit Lernschwierigkeiten auf
Foto: Marieke Boersma mit Kind

Marieke Boersma, unsere Expertin für gemeindenahe Rehabilitation, hat in Äthiopien an der Erstellung einer neuen Studie teilgenommen, die Stolpersteine bei der sexuellen Aufklärung von Mädchen mit Lernschwierigkeiten untersucht hat. Wir haben sie zu ihren Erfahrungen interviewt.

Die sexuelle Gesundheit von Menschen mit Lernschwierigkeiten ist in vielen Ländern ein Tabuthema. Wie ist LICHT FÜR DIE WELT auf das Thema gestoßen?

Ich habe das Thema eingebracht, weil ich mich viel mit dem Schutz von Kindern und dem Thema Missbrauch beschäftigt habe. Dabei geht es ganz zentral um Selbstwertgefühl und den Wert, der Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft beigemessen wird. Vor Jahren ist außerdem ein Film über unsere Kollegin Yetnebersh gedreht worden. Darin sagt sie blinden Mädchen: „Ihr glaubt wahrscheinlich, ihr müsst unbedingt darauf eingehen, wenn ein Mann euch Aufmerksamkeit schenkt, weil das vielleicht eure einzige Chance ist. Bitte glaubt mir: Macht das nur, wenn ihr denkt, dass das der Richtige für euch ist.“ Das führt weiter zur Frage: „Für wie wertvoll hältst du dich selbst? Hast du genug Selbstvertrauen, dir Beziehungspartner selbst auszusuchen?“ Wir haben uns deshalb entschieden, mit unseren Partnern aus dem Reha-Netzwerk ein Konzept zu entwickeln. Darin geht es um die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Frauen mit intellektueller Behinderung. Wir haben ein Training geplant und die Partnerorganisationen neue Ideen ausprobieren lassen.

Was waren die berührendsten Momente in deinen Gesprächen mit den Mädchen im Projekt?

Es war einfach fantastisch zu sehen, wie sie voll Selbstvertrauen erklärt haben, was sie herausgefunden hatten. Dabei waren sie sehr direkt. Besonders berührend war es, dass sie gesagt haben: „Uns hat gestört, dass ihr die Burschen nicht einbezogen habt. Die haben immer nachgebohrt: 'Ihr habt da jetzt ein Geheimnis vor uns! Wir wollen das auch wissen!'“ Es ist im Projekt natürlich auch um Menstruation gegangen. Ich habe also gefragt: „Wollt ihr mit den Burschen über euren Zyklus reden?“, und sie haben geantwortet: „Nicht wirklich. Aber ihr solltet euch da etwas einfallen lassen, weil wir müssen das mit ihnen gemeinsam besprechen.“ Sie haben natürlich Recht gehabt! Und sie haben das ganz klar und gut ausgedrückt.

Waren ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse auch Thema?

Die Mütter haben zwar gemeint, dass sie ihre Kinder jetzt stärker als sexuelle Wesen sehen, aber es ging eher um „Schutz“ vor Sex. Eine Mutter hat ihre Tochter immer weggescheucht, sobald sie über Hochzeit oder Ähnliches gesprochen hat. Sogar diese Mutter ist jetzt offener gegenüber der Vorstellung, dass ihre Tochter einmal eine Beziehung haben, heiraten, Kinder bekommen könnte.

Als eine Holländerin, die in Äthiopien lebt: Was sind die auffälligsten Unterschiede in den Einstellungen zu sexuellen Rechten von Menschen mit Behinderung in Äthiopien und in Europa?

Ein riesiger Unterschied ist, dass ein Kind aufzuziehen in Äthiopien nicht so ein großes ethisches Problem ist. In Europa tut sich gleich folgendes Thema auf „Müssen wir dieses Kind aus der elterlichen Obhut herausnehmen, um die Sicherheit des Kindes zu gewährleisten?“ In Äthiopien werden diese Kinder vom ganzen Familienumfeld erzogen, weil Mädchen ohnehin in großen Familien leben. Also ist die Schwangerschaft an sich kein großes Problem. Dieser Teil ist einfacher und gibt ihnen mehr Möglichkeiten, eine sexuelle Beziehung zu haben und Kinder zu bekommen.

Wie kann unsere Arbeit Jugendliche mit Lernschwierigkeiten mit sexueller Aufklärung unterstützen?

Die Idee des Projekts war, das Thema mehr in die Köpfe der Menschen zu bringen. Von anderen Projekten habe ich außerdem gehört, dass unsere gemeindenahen Rehabilitationshelfer sich nun damit wohlerfühlen, das Thema in den Familien anzusprechen. Unsere Rehabilitationshelfer könnten außerdem auch stärker mit dem lokalen Gesundheitssystem in Verbindung treten und bewusst machen, dass es diese Bedürfnisse gibt. Wir sollten auch die Kinder selbst mehr selbst sprechen lassen. Oft sprechen wir über und arbeiten für sie, nicht mit ihnen. Als Erwachsene glauben wir immer, dass wir alles besser wissen als sie.

Wie schaffen wir das?

Wir könnten die Kinder zum Beispiel hinausschicken und Fotos von den Plätzen machen lassen, an denen sie sich sicher oder unsicher fühlen und mit ihnen besprechen, warum. Man könnte eine Geschichte durchmachen und die Kinder fragen, wie sie sich dabei fühlen und wie sie die Geschichte verändern würden. Es gibt viele verschiedene Methoden, um Kindern und Jugendlichen selbst das Steuer in die Hand zu geben.