Sie befinden sich hier

Graffiti inklusive

Der Münchner Konzeptkünstler Alexis Dworsky übersetzt Graffiti und will dieses Kulturphänomen damit für Sehbehinderte und Blinde erfahrbar machen.
Graffiti in Braille-Schrift von Alexis Dworski, Foto: neurotitan, Rolando Gonzalez

Alexis Dworsky übersetzt Graffiti in Braille-Schrift und will dieses Kulturphänomen damit für Sehbehinderte und Blinde erfahrbar machen. Dahinter steckt sein künstlerisches Interesse an jeder Weise von Wahrnehmung. Er geht damit auf Blinde wie Sehende zu und zeigt auf, wie niemand ausgeschlossen wird. Für Licht für die Welt ging Alexis Dworsky gemeinsam mit dem Graffiti-Künstler Loomit beim Kinder- und Jugendfestival am 6. Oktober in München neue künstlerische Wege. 

LfdW: Braille ist die weltweite Blindenschrift, die auf einfache und geniale Weise zahlreichen Menschen rund um den Globus das Lesen und Schreiben ermöglicht. Wie bist Du dazu gekommen, mit Kunstaktionen Graffiti in Braille-Schrift zu übersetzen? 

Alexis Dworsky: Ich komme selbst nicht aus der Graffiti-Szene, bin sehend und hatte als Bildender Künstler zunächst nichts mit dem Thema Inklusion zu tun. Aber ich interessiere mich unheimlich stark für die Frage, wie wir die Welt wahrnehmen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch meine Arbeiten. Bei der Frage, welche Qualität das hat, wenn man nicht sieht, sondern die Welt anders wahrnimmt, bin ich auf Daniel Kish gestoßen. Er hat eine Technik entwickelt und verbreitet, wie man quasi mit den Ohren sehen kann. Klicks mit der Zunge geben ein Echo, das im Raum zurückgeworfen wird und dadurch Informationen über die Umgebung abgibt. Das lässt im Kopf ein dreidimensionales Bild entstehen. Neurologen haben untersucht, dass tatsächlich die Areale im Hirn, die für das Sehen verantwortlich sind, diese Daten zu einem Bild verarbeiten. Ich habe mich mit ihm und auch mit anderen Blinden darüber intensiv ausgetauscht. Bei einem Spaziergang mit einem blinden Jugendlichen durch die Stadt, bei dem wir uns gegenseitig unsere Wahrnehmungen beschrieben haben, wie wir die Welt so sehen, ist es dann passiert. Ich habe erzählt: Da drüben sehe ich Graffiti und… Worauf die Antwort war: Das kenn ich nicht, was soll das sein, Namen an Häusern? Damit man weiß, wer darin lebt? Ich habe dann versucht zu erklären, dass die Sprayer das eigentlich sogar heimlich auf Häusern und Zügen machen und nicht den richtigen Namen sprayen, damit niemand weiß, dass sie das waren. Und so weiter. Und da ging das Rattern in meinem Kopf los. 

LfdW: Wieso gerade Graffiti? 

Alexis Dworsky: Dass es die Mona Lisa zum Tasten gibt und große Weltliteratur in Braille-Schrift, das ist klar. Aber dass man auch mal das Geschmiere auf Hauswänden oder in der Toilette übersetzt, das schien mir wichtig. Denn für mich bedeutet Inklusion auch, dass man niemandem etwa vorenthält. 

LfdW: Graffiti sind doch mehr als die meist nichts sagenden Schriftzeichen. Kannst Du vielleicht auch noch mehr „übersetzen“? 

Alexis Dworsky: Das werde ich öfter gefragt. Das kann man mit Braille-Schrift nur bedingt, aber allein dadurch, dass ich das in der Originalgröße mache, erlebt man Graffiti als Ganzes. Denn Blinde sind gewöhnt, dass sie die Braille-Schrift in genormter Größe mit den Fingerkuppen lesen. Bei meinen Kunstaktionen sind das manchmal richtig große Noppen über das Graffiti verteilt, sodass man mehr braucht als die Fingerkuppen und die Originalgröße wahrnimmt. Zudem habe ich auch schon mit dem Musiker Sepalot (Blumentopf) zusammengearbeitet, der die Stimmung des Bildes in Ton übersetzt hat.  Für den Event mit Licht für die Welt beim Jugend- und Kinderfestival werden Loomit und ich noch neue Dinge ausprobieren. 

 

Alexis Dworsky, geboren 1976, lebt und arbeitet in Freising und München und unterwegs. Seine Doktorarbeit hat er über Dinosaurier geschrieben und wie sie wahrgenommen werden, obwohl wir sie nie gesehen haben. Dazu (re)konstruierte er aus einem Hasenbraten einen Dinosaurier. Neben der Übersetzung von Graffiti für Blinde inszenierte er einen Trimm-Dich-Pfad inmitten der Stadt oder fährt in Google Street View um die Welt und hält darüber Reisevorträge. 

Besuchen Sie unsere Kunst-Aktion beim Jugend- und Kinderfestival am 6. Oktober in München bei LICHT für die WELT Deutschland.